Science Slam: Kathrin Karsay präsentiert AWARE
- Kathrin Karsay
- vor 27 Minuten
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Kathrin Karsay war beim Alumni-Event der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien mit dem Science Slam vertreten und präsentierte dabei die Kernhypothese des AWARE-Projekts.
Der Slam-Text dazu hier.
Sternzeichen ADHS: Mentale Gesundheit in Social Media.

Trigger. Trauma. ADHS.
Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, sind Sie nicht unbedingt krank. Aber sehr wahrscheinlich online.
Zusammen mit meinem Team forsche ich zu Social Media und mentaler Gesundheit. Laut WHO ist psychische Gesundheit ein Zustand des Wohlbefindens, das Menschen dazu befähigt, alltägliche Anforderungen und Belastungen zu meistern.
Jugendliche haben davon gerade… sagen wir: Luft nach oben. Ich weiß ja nicht, wie das bei Ihnen ist, aber wenn ich an meine Jugend zurückdenke, fällt mir nicht unbedingt als Erstes das Wort Wohlbefinden ein. Eher: Pickel, Pubertät. Physikschularbeit.
Heute gesellen sich noch Klimakrise und eine instabile politische Weltlage hinzu. Und dann auch noch TikTok. Denn immerhin verbringt die Hälfte der Jugendlichen mehr als drei Stunden pro Tag auf Social Media. Drei Stunden.
Im öffentlichen Diskurs heißt es daher oft: „Social Media macht Jugendliche krank.“ Die Wissenschaft sagt dazu eindeutig: Jein.
Denn junge Menschen wachsen heute in einer Welt auf, in der über psychische Probleme gesprochen wird – vor allem auf Social Media. Viele finden dadurch erst Worte für das, was sie fühlen. Und manchmal eben auch den Mut, sich Hilfe zu holen. Diese Enttabuisierung ist unglaublich wichtig.

Im Mental-Health-Feed wird Wahrheit meist nicht überprüft – sie wird gefühlt.
Aber – und jetzt kommt das „aber“, das mich in meiner Forschung beschäftigt: Aufklärung, Information und Sensibilisierung stammen oft nicht von Expert:innen. Sondern meist von Laien = Menschen mit sehr viel Erfahrung – und eher subjektiver Evidenz statt harter Fakten. Dazu mischen sich auch gerne Influencer, die einem das nächste Coaching andrehen wollen.
So werden aus Gefühlen schnell Störungen, und aus Belastungen Diagnosen: Konzentrationsprobleme? → Bestimmt ADHS.
Erschöpfung? → Sicherlich Burnout.
Wie ein Horoskop in der Kronen Zeitung
Aber warum ist das so? Viele Social-Media-Inhalte funktionieren nach einem einfachen Prinzip. Im Grunde wie ein Horoskop in der Kronen Zeitung. Dort steht zum Beispiel: „Jene, die im Sternzeichen der Jungfrau geboren sind, sind praktisch, logisch, detailorientiert und haben oft ein hohes Maß an Intellekt.
Und ich denke mir dann: Wow, das stimmt.
Und jetzt ersetzen wir den Blick in die Sterne durch den Blick in den Social Media Feed: Dort liest man: „3 Anzeichen einer Angststörung:
1. Du denkst viel nach.
2. Du vergleichst dich mit anderen
3. Du neigst dazu wichtige Aufgaben zu verschieben.“
Und ich so, Wow. Das stimmt.
Dieses Phänomen wird als Barnum-Effekt bezeichnet. Es werden Feststellungen getroffen, die kaum überprüfbar oder widerlegbar sind. Der Trick ist, es passt auf fast alle.
Und jetzt kommt noch ein zweiter wichtiger Punkt. In der Forschung gibt es die sogenannte Prävalenz-Inflations-Hypothese.
Die These besagt: Mehr Aufmerksamkeit für mentale Gesundheit führt dazu, dass Menschen mehr Symptome wahrnehmen und stärker interpretieren.Das kann helfen, Belastungen ernst zu nehmen, und sich ggf. Hilfe zu holen. Es kann aber auch dazu führen, dass sehr allgemeine Erfahrungen überinterpretiert werden. Manchmal sogar bis hin zu Selbstdiagnosen.
Das Ergebnis: höhere berichtete Prävalenzraten – nicht nur, weil es mehr Erkrankungen gibt,sondern auch, weil sich mehr Menschen in diesen Beschreibungen wiederfinden.
Mehr Awareness→ mehr Selbstzuschreibung→ höhere Zahlen→ noch mehr Awareness.
Es ist ein Kreislauf.
Und Social Media ist der perfekte Beschleuniger für genau diesen Kreislauf. Denn hier treffen Aufmerksamkeit, persönliche Geschichten und klinische Begriffe auf Algorithmen, die eines besonders gut können: Verstärken.
Der Algorithmus fragt nicht: „Ist das differenziert?“ Er fragt: „Wird das geteilt?“
Und genau hier setzt unsere Forschung an. Wir wollen diese Hypothese testen – und vor allem die Rolle von Social Media. Uns interessiert nicht: „Sehen Jugendliche Mental-Health-Content?“ Denn die Antwort ist: Ja. Jede*r Zweite bekommt zumindest ab und zu Inhalte zu mentaler Gesundheit in den Feed gespült.
Wir sind noch mitten in der Datenerhebung – also mitten in genau dem Chaos, das wir verstehen wollen. Was wir sagen können: Je häufiger Jugendliche solche Inhalte sehen, desto eher neigen sie dazu, sich selbst zu diagnostizieren. Aber wie sieht es mit der umgekehrten Richtung aus?
Uns was hilft beim Einordnen? Medienkompetenz? Gespräche mit Eltern? Freunde?
Zusammenfassend lässt sich sagen: Im Mental-Health-Feed wird Wahrheit meist nicht überprüft – sie wird gefühlt. Was das langfristig mit Jugendlichen macht, wissen wir noch nicht. Und genau deshalb forschen wir daran.



